Was macht gute Architektur aus – und warum sieht man davon so wenig in unseren Neubaugebieten?
Am Beispiel des Altenberger Bahnhofshügels zeigen Fabian Holst und Moritz Lohse wie politische Kompromisse, überregulierte Planung und fehlender Gestaltungswille dazu führen, dass Chancen vertan werden – und was stattdessen möglich wäre, wenn Mut, Haltung und echte Beteiligung den Ton angeben würden. Ein Essay über Rasterdenken, Weitblick und die Suche nach dem Ortstypischen. Standard statt Stadtidee: Der Bahnhofshügel als verpasste Chance. Haltung statt Raster: Warum Altenberge mehr als Standard verdient.

Ein Appell für mutige Architektur, zukunftsfähige Planung und echten Weitblick am Bahnhofshügel.
Immer wenn ein neues Baugebiet angekündigt wird, flammt Hoffnung auf: Wird hier ein Quartier mit Charakter entstehen? Eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit – klimagerecht, sozial durchmischt, ortstypisch und mit architektonischem Anspruch? Leider folgt auf die Neugier oft die Ernüchterung. Was am Reißbrett der politischen Konsensfindung als „Kompromiss“ entsteht, ist in Wahrheit meist die Kapitulation vor der Gestaltung.
Was dann realisiert wird, ist eine Flächenproduktion unter dem Siegel der Rechtskonformität: gerasterte Grundstücke, freistehende Einfamilienhäuser mit austauschbaren Grundrissen, ein paar Mehrfamilienhäuser zur Verkehrsstraße hin – als Schallschutzmaßnahme und sozialer Alibi-Mix. Der Rest ist Durchschnittsarchitektur, die genauso gut in Niedersachsen wie in Bayern stehen könnte. Die Frage, was das „Ortstypische“ eigentlich ausmacht, wird dabei nie ernsthaft gestellt – oder gleich im nächsten Nebensatz relativiert: „Das ist Ansichtssache.“ Das ist bequem – aber zu wenig. Besonders, wenn der Ort wie Altenberge mit seinem Bahnhofshügel eigentlich über ein herausragendes topografisches Alleinstellungsmerkmal verfügt.

Regeln statt Rückgrat – wie die German Angst unsere Gestaltung lähmt.
Dass dieses Potenzial ungenutzt bleibt, liegt nicht nur an den politischen Spielchen der lokalen Akteure. Es ist Ausdruck eines tieferliegenden Problems: einer Planungskultur, die in Angst erstarrt ist. Die berühmte „German Angst“ zeigt sich hier in Form einer nahezu manischen Regulierungswut. Alles muss normiert, abgeglichen, durchformuliert und rechtlich unangreifbar gemacht werden. Der Bebauungsplan wird so zum Korsett, das jede individuelle Idee, jede kreative Reaktion auf Topografie, Klima, Nachbarschaft im Keim erstickt.
Hinzu kommt ein Planungsprozess, der sich an denen orientiert, die am wenigsten gestalten wollen – nämlich Investoren und Standardbauträger. Diese „erfüllen“ Programme, statt Raumqualitäten zu denken. Häuser werden produziert, nicht entworfen. Mit dem Ergebnis, dass auf dem Bahnhofshügel nun standardisierte „Schuhkartons“ entstehen, auf Handtuchgrundstücken, in einem Raster ohne Aussicht – dabei liegt der gesamte Hang mit Blick ins Münsterland vor uns. Ironischer geht es kaum.

Technik ersetzt kein Denken – Nachhaltigkeit beginnt im Entwurf
Selbstverständlich: Auf jedem Dach eine Photovoltaikanlage, im Garten die Luft-Wärme-Pumpe – aber das macht noch kein nachhaltiges Wohnquartier. Nachhaltigkeit beginnt im Denken, nicht bei der Technik. Es geht um die langfristige Nutzbarkeit eines Hauses, um Drittverwendungsfähigkeit, um Rückbaubarkeit, um soziale Flexibilität. Wer mit 70 Jahren nicht mehr alle Etagen bewältigt, wer plötzlich Pflege benötigt oder ein Studio vermieten möchte, der braucht ein Gebäude, das mitwächst, mitdenkt, mitverändert werden kann. All das ist mit den aktuellen Vorgaben im Bahnhofshügel nicht vorgesehen.

Was ist eigentlich „ortstypisch“?
Der Diskurs um das „Ortstypische“ wurde in Altenberge geführt – aber eben subjektiv, unfachlich, ideologisch verzerrt. Was ist eigentlich ortstypisch in einem Dorf, das sich selbst als „mit Weitblick ins Münsterland“ vermarktet? Sollte dieser Weitblick nicht auch architektonisch erfahrbar sein – visuell wie geistig? Die Chance dazu wäre da gewesen: durch eine differenzierte Parzellierung, eine stärkere Durchmischung, einen Bebauungsplan, der Verdichtung an gezielten Stellen zulässt, während andere Bereiche mit einem grünen Netzwerk aus „Fingern“ durchzogen werden. Ein solcher Grünzug könnte nicht trennen, sondern verbinden. Die Nachbarn würden sich begegnen, statt sich durch Hecken und Zäune voneinander abzugrenzen.
Doch dafür müsste man den Mut haben, die Regeln zu hinterfragen. Nicht blind zu folgen, sondern zu steuern. Eben: Haltung zeigen.

Innovation – ja bitte, aber nicht in meinem Garten?
Wir leben in einer Gesellschaft, die Innovation im Smartphone feiert – aber sie nicht in der Nachbarschaft erträgt. Kopenhagen? Toll, sagen alle. Offene Wohnformen, integrierte Quartiere, urbane Qualität trotz Dichte. Aber bitte nicht bei uns. Lieber das Eigenheim auf der Scholle, auch wenn die Scholle steil, teuer und ohne Aussicht ist. Dann doch lieber 300 Euro pro Quadratmeter für ein Haus ohne echten Mehrwert – Hauptsache, es entspricht dem Bebauungsplan.
Wer sich dieses Areal heute anschaut, fragt sich unweigerlich: Ist das wirklich das Beste, was unsere Planung leisten kann? Ist das der Ausdruck von Weitblick? Oder ist es ein Rückschritt im Maßanzug des
„Rechtskonformen“?

Was jetzt zu tun ist – Strategien jenseits des Plans
Wir brauchen einen Strategiewechsel. Nicht unbedingt durch einen neuen Bebauungsplan – das mag juristisch kompliziert sein. Aber durch einen anderen Umgang mit Gestaltung: durch Bürgerworkshops, echte Beteiligung, alternative Planungsinstrumente. Warum nicht ein mehrtägiges Ideenfestival, mit Architekturstudent:innen, Planer:innen, Bürger:innen – auf dem Kirchplatz, mit Fest und Ausstellung, mit Entwürfen, die zeigen: So könnte es auch aussehen! Strategien sind keine Technokratie – sie sind Safari. Ein Suchprozess mit offenem Ausgang, aber klarem Anspruch.
Und ja, es braucht auch politische Entscheidungsträger:innen, die Verantwortung übernehmen – nicht nur für das, was heute gebaut wird, sondern für das, was in 30 Jahren noch Bestand haben soll. Für eine gebaute Umwelt, die mehr kann, als sich selbst zu erfüllen.

Fazit: Haltung ist das neue Fundament
Gute Architektur beginnt mit Haltung – nicht mit dem Paragraphen. Sie ist keine bloße Erfüllung eines Programms, sondern die bewusste Auseinandersetzung mit dem Ort, seinen Menschen, seiner Zukunft. Wenn wir das anerkennen, dann wird aus einem Bahnhofshügel ein Quartier mit Weitblick. Und Altenberge könnte tatsächlich einmal Vorbild sein – nicht weil es Standard erfüllt, sondern weil es Mut gezeigt hat.

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