Die Kirchstraße und der Kirchplatz – eine kritische Betrachtung
Ich arbeite in der Kirchstraße 14. Jeden Tag gehe ich durch die Straße und über den Kirchplatz. Und jeden Tag frage ich mich: Was wird eigentlich aus diesem heruntergekommenen Wohn- und Geschäftshaus mitten im Ort? Einerseits ist es absolut begrüßenswert, dass die leerstehenden Gewerbeflächen im Erdgeschoss durch das Familienbündnis sinnvoll genutzt werden. Das bringt Leben ins Haus und erfüllt eine wichtige soziale Funktion. Andererseits bleibt der bauliche Zustand des gesamten Objekts ein städtebauliches Ärgernis. Es schmerzt, dass an dieser exponierten Stelle so wenig passiert ist.
Die Chance, hier etwas wirklich Zukunftsfähiges zu schaffen, wurde bislang nicht genutzt. Ich war zwar nicht in den Prozess involviert, aber die Vermutung liegt nahe, dass wirtschaftliche Interessen auf Investorenseite und verwaltungstechnische Anforderungen nur schwer miteinander zu vereinbaren waren. Dass über all die Jahre dennoch kein tragfähiger Kompromiss gefunden wurde, ist bedauerlich. Woran hat es letztlich gelegen? An Stellplätzen? Das wirkt fast absurd – gerade in einer Zeit, in der wir uns als fahrradfreundliches Land positionieren wollen.
Zugegeben – der Vorschlag, bei einem Neubauvorhaben an dieser Stelle nur etwa die Hälfte der Stellplätze herzustellen und die übrigen über Ablösebeträge städtisch zu regeln, ist mutig. Ich halte das für gewagt. Aber ich bin auch überzeugt: Für alles lässt sich eine Lösung finden, wenn man bereit ist, sachlich zu sprechen, Kompromisse zu machen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen – nicht gegeneinander.
Natürlich ist mir bewusst, wie komplex städtische Entscheidungen sind. Ich weiß, wie Demokratie funktioniert. Und ich weiß auch, dass Demokratie Arbeit bedeutet. Kompromisse. Aushandlungen. Unterschiedliche Meinungen. Unterschiedliche Interessen. Das ist ungefähr so wie ein DJ auf einer Party: Alle müssen mal tanzen können, jeder soll sich irgendwie wiederfinden – aber so richtig begeistert von Anfang bis Ende ist meistens niemand. Und das ist okay. Es gehört dazu. Als Architekt erlebe ich das regelmäßig. Man plant mit Herzblut, mit einem klaren Ziel vor Augen – und dann kommt der eine und findet’s großartig, der nächste sagt, das sei ja wohl völlig daneben. Man lebt mit dieser Spannung.
Aber genau deshalb braucht es manchmal den Mut, den sprichwörtlichen nächsten Schritt zu gehen. Nicht nur Kompromisse, sondern auch klare Entscheidungen. Denn wenn aus lauter Rücksicht auf jeden einzelnen Aspekt am Ende gar nichts passiert – oder nur das kleinste gemeinsame Vielfache – dann verliert der Ort. Dann bleibt die Erneuerung aus. Und das kann sich ein Ortskern in dieser Lage schlicht nicht leisten.
In Zeiten wie diesen muss eine Stadtreparatur in zentraler Lage natürlich auch wirtschaftlich tragfähig sein. Grundstücke sind teuer, die Anforderungen hoch. Daraus ergibt sich ein Bedarf an nutzbarer Fläche – und daraus wiederum ergibt sich nach Bauordnung und Stellplatzsatzung eben die Pflicht zur Schaffung entsprechender Stellplätze. In anderen Städten, zum Beispiel in Düsseldorf, hat man bereits auf veränderte Mobilitätsgewohnheiten reagiert und den Stellplatzschlüssel angepasst: Nur noch ein Stellplatz auf 50 Quadratmeter Nutzfläche statt wie früher auf 35. Auch das ist ein Zeichen für den Wandel – und für die Bereitschaft, Stadtentwicklung flexibel zu denken.
Doch das allein reicht nicht. Denn das eigentliche Problem liegt tiefer: Seit der „neue“ Marktplatz auf dem ehemaligen Schmitz-Gelände Ende der 1980er-Jahre entstanden ist, hat sich der gefühlte Ortskern verlagert. Die Kirchstraße wurde abgehängt – strukturell, funktional und atmosphärisch. Sie stirbt langsam aus. Gastronomie findet hier kaum Halt, weil es zu wenige Anlässe gibt, hier zu verweilen. Ohne Frequenz kein Leben. Ohne Leben keine Frequenz. Ein Teufelskreis.
Das ganze öffentliche, dörfliche Leben spielt sich mittlerweile auf dem Marktplatz ab. Egal ob Wochenmarkt, Kirmes, Weihnachtsmarkt oder der Chor – dort ist einfach mehr los. Mehr Platz, mehr Frequenz, mehr Möglichkeiten. Flächen für Gastronomie, Handel und Begegnung sind dort reichlich vorhanden. In der Kirchstraße und am Kirchplatz dagegen? Da sieht es deutlich dünner aus. Es gibt kaum Gewerbeflächen – und die wenigen, die existieren, sind eher klein und wenig präsent. Aber vielleicht ließe sich mit einem Neubau an der Hausnummer 20 und 22, den lange leerstehenden Wohn- und Geschäftshäusern, doch wieder etwas bewegen. Vielleicht wäre das eine Chance, auch die Kirchstraße wieder ein Stück weit mit Leben zu füllen.
Es braucht aber sicherlich mehr als ein neues Wohn- und Geschäftshaus, um die Kirchstraße wiederzubeleben. Es braucht ein strukturelles Konzept, das neue Angebote schafft – Gastronomie, Kultur, Nahversorgung, vielleicht auch Wohnen mit besonderen Qualitäten. Es braucht eine klare Idee davon, warum Menschen sich hier aufhalten wollen. Und es braucht den Mut, dieser Idee Raum zu geben.
Die leerstehenden Wohn- und Geschäftshäuser in der Kirchstraße bieten die seltene Chance, mitten im Ortskern einen neuen Ort der Begegnung, des Wohnens und Arbeitens zu schaffen. Dabei geht es nicht allein um eine gestalterische Erneuerung – gefragt ist ein zukunftsfähiges Konzept, das strukturelle Impulse setzt.
Ein mögliches Modell: ein modernes Multifunktionshaus – als Ergänzung zum bestehenden Karl-Leisner-Haus. Denkbar ist ein offenes Gebäude mit flexibel nutzbaren Flächen, das Raum bietet für verschiedenste gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Nutzungen. Institutionen, Vereine oder soziale Träger könnten hier Orte für Beratung, Begegnung oder Bildung finden. Auch Probenräume für Musiker, Coworking-Bereiche, Veranstaltungsräume, Ateliers, Start-up-Flächen oder gemeinschaftliche Wohnformen sind realisierbar.
Das Besondere: Diese Nutzungen erzeugen Leben vor Ort – ganztägig und generationenübergreifend.
Denn eines ist klar: Kleine Läden allein werden sich kaum behaupten können, solange sich Konsumgewohnheiten weiter digitalisieren und der Onlinehandel wächst. Was es daher braucht, sind dauerhafte, nicht rein konsumorientierte Angebote, die Menschen regelmäßig und aus unterschiedlichen Gründen in die Kirchstraße führen. Kultur, Bildung, Gesundheit, soziale Teilhabe, Arbeiten und Wohnen – diese Funktionen erzeugen Bewegung, Begegnung und Bindung.
Solche hybriden Nutzungsformen sind heute vielerorts ein Schlüssel zur erfolgreichen Stadt- und Ortskernentwicklung. Städte wie Bonn, Münster oder auch kleinere Orte wie Langenfeld oder Telgte setzen gezielt auf multifunktionale Gebäude in zentralen Lagen, um innerstädtische Strukturen zu stabilisieren, Leerstand entgegenzuwirken und soziale Räume zu schaffen.
Ein solches Multifunktionshaus wäre auch ein Signal für Haltung und Zukunftsorientierung: für die Bereitschaft, Stadtentwicklung nicht nur als Verwaltungsaufgabe, sondern als gemeinschaftliches Gestaltungsprojekt zu verstehen. Für eine Entwicklung, die nicht rückwärtsgewandt denkt, sondern sagt: Wir wollen unser Zentrum als Ort des Lebens, nicht nur des Durchgehens. Wir gestalten gemeinsam ein neues Herzstück für alle Generationen.
Der freiraumplanerische Entwurf zur Neugestaltung der Kirchstraße und des Kirchplatzes ist grundsätzlich solide. Handwerklich gut gemacht, nachvollziehbar begründet – und offenbar getragen von ähnlichen Beobachtungen, wie ich sie auch mache. Doch der Entwurf bleibt hinter meinen Erwartungen zurück. Warum? Weil er die grundsätzlichen strukturellen Probleme nicht anfasst. Die Aufgabenstellung beschränkte sich auf eine gestalterische Neufassung – aber das allein wird die Situation nicht grundlegend verbessern. Die entscheidenden Weichen werden nicht durch Pflastersteine gestellt, sondern durch funktionale Nutzungen und tragfähige Konzepte.
Ein zentrales Problem ist dabei auch die Lage des Kirchplatzes. Dass er – historisch bedingt – im Osten der Kirche liegt, also quasi „hinter“ dem Hauptportal, mag liturgisch korrekt sein, erschwert aber die Belebung. Man würde instinktiv erwarten, dass ein frisch getrautes Paar aus der Kirche tritt – hinaus auf den Kirchplatz, mitten ins Dorf. Doch hier öffnet sich das Hauptportal nicht auf den Platz, sondern ins Nichts. Das entzieht dem Platz jene symbolische Kraft, die er im Dorfleben eigentlich haben müsste. Seine Lage wirkt abgeschirmt, eher wie ein Nebenschauplatz. Und das ist er leider auch geworden.
Dabei gäbe es ja eigentlich gute Voraussetzungen: Die Ladenlokale rund um den Kirchplatz sind durchaus charmant, mit Potenzial für mehr. Doch mangels anderer Interessenten haben sich dort inzwischen unsere politischen Fraktionen eingerichtet – so ein bisschen wie im Ersten Weltkrieg: Jeder hat seinen eigenen Schützengraben bezogen, man liegt sich 100 Meter entfernt gegenüber, wartet auf freies Schussfeld – und bewegt sich möglichst nicht. Ist das wirklich die beste Nutzung für so prominente Räume im Herzen unseres Ortes?
Wäre es nicht viel sinnvoller, dort lebendigere Angebote unterzubringen? Mehr Cafés, mehr Aufenthaltsqualität. Natürlich gibt es mit dem Skulptura und dem Verspohl bereits Orte zum Verweilen – aber sie sprechen vor allem ein älteres Publikum an oder erfüllen eher mangels Alternativen auch die Bedürfnisse Jüngerer. Die Resonanz zeigt jedoch: Viele wünschen sich frische, zeitgemäße Konzepte – Orte mit einem jüngeren, urbaneren Flair. Warum nicht ein Café mit Spielecke für junge Eltern? Oder ein kleiner Spielplatz in Sichtweite? Vielleicht auch ein Raum für Kultur: kleine Konzerte, Diskussionen, Lesungen. Der Kirchplatz könnte wieder zu dem werden, was er ursprünglich war – ein Forum im besten Sinn: ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Teilhabe.
Warum nicht sogar den Wochenmarkt wieder auf den Kirchplatz verlegen? Das würde Frequenz bringen – und ganz nebenbei den Charakter des Platzes als Treffpunkt und Bühne des Alltagslebens stärken. Der Platz hat Potenzial – aber er braucht eine Funktion, um wieder zu strahlen.
Die Kirche selbst, einst das zentrale Ankergebäude im Ort, verliert zunehmend ihre Bedeutung im öffentlichen Raum. Ja, sie erfüllt weiterhin ihre liturgische Funktion – aber als sozialer Ort verliert sie an Strahlkraft. Die Leerstände rundherum sprechen für sich: Martins Schreib und Spiel ist zum Glück gut besucht – aber Pomodoro Rosso ist Geschichte (Zum Glück gibt’s schon nen Nachfolger), Penz am Dom längst geschlossen. Leyla macht auch schon Lagerverkauf. Das Si? Wackelt. Mein Nachbar? Showroom? Noch nie gesehen…
Wenn wir wollen, dass sich etwas bewegt, dann müssen wir auch bereit sein, strukturell zu denken. Wir brauchen echte Gründe, in die Kirchstraße zu gehen – nicht nur schönere Wege. Denn Stadtraum ist Lebensraum. Und Lebensraum entsteht nicht durch Steine, sondern durch Menschen, die ihn nutzen wollen.